wortbeitrag

Das merkwürdige Verhalten von Menschen im Eingangsbereich von Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs

Tokyo subway, By benoit d CC BY-NC-SA 2.0
Photo: „Tokyo subway“ By: benoit d CC BY-NC-SA 2.0

Bochum. 7:30 Uhr. Linie 308 Richtung Hauptbahnhof. Hauptbeförderungszeit. Zombiegleich schieben sich Leiber in den Eingangsbereich der Straßenbahn. Sie drängeln und quetschen sich in den zumeist 2 Quadratmeter großen Bereich vor der Eingangstür. Sobald sich der Letzte von ihnen in den letzten freien Zentimeter vor der Lichtsperre gequetscht hat, schließt die Tür. Die Luft ist knapp. Und obwohl die meisten von ihnen sich nicht einmal festhalten können, wagen sie es nicht, die festgesetzte Grenze zu überschreiten und in den freien Bereich der Straßenbahn oder des Busses zu treten. Es sind sogar noch Plätze frei. Keiner bewegt sich. Die Frage ist nur: WARUM??? Ein Erkärungsversuch.

Um die Passivität der Fahrgäste zu erklären, ist es zunächst einmal wichtig, sie als soziale Gruppe zu definieren oder eben als Masse. Aus dem Proseminar Soziologie (oder eben von Wikipedia) erfahren wir, dass die Masse “eine Anzahl von Menschen” bezeichnet, die “konzentriert auf relativ engem Raum physisch miteinander kommunizieren und/oder als Kollektiv gemeinsam sozial handeln.”.

Da haben wir schon ein wichtiges Stichwort: handeln. Ich lehne mich nicht aus dem Fenster, wenn ich sage, dass selbst das soziale Handeln einer spontan zusammengekommenen Masse – wie den Menschen in der Straßenbahn – eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Selbst wenn das Hauptmerkmal dieser Zusammenkunft durch „Passivität“ geprägt ist. Aber das erklärt noch lange nicht, warum nach dem Einstieg der Großteil der neu dazugekommenen Fahrgäste im Eingangsbereich verharrt und nicht einfach weitergeht.

Natürlich könnte man jetzt die Dummheitskeule aus der Schublade holen und dem Mob in der Bahn damt so richtig schön eine überbraten. Die kulturpessimistische Linie in der Soziologie würde vermutlich genau das tun. Sie würde den Massekritiker Gustave Le Bon aus dem verstaubten Bücherregal ziehen und sagen, dass Massen stets kritik- und prinzipienlos sind. Sie würde mit Begriffen wie “Trägheit der Masse”, “Verdummung” und “Verharrungsvermögen” um sich werfen. Leider trifft diese pessimistische Interpretation des Problems nicht den Kern der Sache.

Auch mit dem Begriff Schwarmintelligenz können wir das oben genannte Phänomen nicht erklären. Denn: eine Schwarmintelligenz bezieht sich hauptsächlich auf Menschen mit gemeinsamen Erfahrungshorizont und Erkenntnisinteresse. Schwarmintelligenzen arbeiten gemeinsam an einer Lösung für ein bestimmtes Problem und das trifft für die Ansammlung in der Straßenbahn nicht zu. Der Schwarm im Eingangsbereich hat eine eigene Logik bzw. ein eigenes Normverhalten. Das Individuum ordnet sich hier dem vorgelebten Muster der Masse unter. Sogar eine einfache Aufforderung wie: „Könnten Sie mich bitte durchlassen?“ wird unterdrückt. Man will nicht auffallen und jeglichen Kontakt mit den Menschen vermeiden.

Verhaltenshemmung beim Überschreiten sozialer Normen

Wir halten fest, dass es für die lose Zusammenkunft im Eingangsbereich der Straßenbahn eine Art Normverhalten gibt, an welches sich die neu dazukommenden Fahrgäste orientieren. Der Wunsch nach einem freien Platz wird unterdrückt, das Verhalten wird sozusagen gehemmt und der Masse angepasst. Ähnliches weiß auch Simone Einzmann in Bild der Wissenschaft zu berichten. Sie argumentiert, „dass viele Menschen sofort ihr Verhalten korrigieren, wenn es auffällig vom Durchschnitt abweicht.“

Ist der Mensch demnach ein Herdentier? Die unklare Antwort dazu: Ja und Nein! Es kommt immer auf die Situation an. Der Neurologe und Psychiater Gregory Berns glaubt, dass unabhängiges – gegen das Normverhalten der Masse gerichtetes – Denken mehr kognitive Energie koste. Aus diesem Grund sei es für das Gehirn effizienter, sich der Masse anzupassen. Aha, das hieße also, dass der Mob in der Straßenbahn nicht dumm, sondern lediglich faul ist. Oder anders gesagt: das Fahrgast wählt die „Energiespavariante“, er passt sich sozusagen der Masse an und spart dadurch wertvolle Energie für weitaus wichtigere Entscheidungen. Clever!

Foto: Flickr, Benoit D

Sag deine Meinung!