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Distinktion und symbolische Aneignung – Die feinen Unterschiede zwischen Wirkungs- und Bildungstrinkern

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Hendrick’s Gin via Flickr: https://www.flickr.com/photos/guzzphoto/14925781153

„Über Geschmack lässt sich streiten“, heißt es. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Über Geschmack lassen sich nicht nur heftige Diskussionen führen. Nein, durch Geschmack lässt sich auch ausgrenzen. Der Geschmack ist der feine Unterschied, der unsere soziale Identität ausmacht.

Ich bin ein Plattennarr. Ich sammele Vinyl in allen Fassetten: 7 Inches, 180 Gramm, Picture Discs. Ich sammele Raritäten aus den 60ern. Dort speziell Unterhaltungsmusik aus der DDR. Ich sammele kleine Pressungen von Indiebands, die nur ein erlauchter Kreis kennt und kennen lernen wird. Diese Bands lösen sich meist schon nach dem zweiten Album auf. Das ist total nerdig. Ich weiß. Mit einem Großteil meines Umfeldes kann ich deshalb nicht mehr über Musik reden, weil meine Inselbegabung zwar in die Tiefe, aber leider nicht in die Breite geht, so dass auch andere Menschen damit etwas anfangen können. Das ist mein Schicksal. Es ist frei gewählt, aber ich habe es mir abgewöhnt zu missionieren. Wenn sich jemand mal einen Künstler aufschreibt oder eine Platte, die er bei mir gehört hat, auf der Amazon-Wunschliste landet, dann freue ich mich. Und dennoch: das ist kein Muss. Meine Musik ist nicht besser oder schlechter als andere.

Und dennoch gibt es sie immer noch: all die kulturellen Güter und Verhaltensweisen, ja vielleicht sogar ein bestimmter Lebensstil, der unsere soziale Identität prägt. Man denke an Wein-, Gin-, und Whiskey oder Whisky-Enthusiasten und die vielen Monologe über ihre jeweiligen Lieblingsgetränke. Irgendwann sind sie von Wirkungs- zu Bildungstrinkern mutiert. Plötzlich benötigt man für jeden Wein ein anderes Glas. Whiskey darf man nicht mehr mit Cola mischen, sondern nur noch in gesitteter Runde tasten. Man beginnt Tonic Water aus Übersee zu importieren und den teuren Hendrick’s Gin mit billigen Gurken aus dem Discounter „aufzuwerten“. Man hangelt sich von Szene- zu Szenegetränk und wechselt dann zum nächsten, wenn der Fusel, den man vor einem halben Jahr entdeckt hat, beim Bronko-Nachbarn landet.

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Der Haarhelm – Justin Biebers Vermächtnis

Doch wenn es nur bei den Getränken bleiben würde. Seit jeher ist Mode ein beliebtes Mittel der Abgrenzung. Jede Saison hat ihre Frisuren und Schnitte. Man erinnere sich an alle die gleichgeschalteten Dutt-Trägerinnen in der Uni im letzten Jahr. Als gäbe es irgendwo eine Dutt-Zuchtstation. Oder die Justin Bieber-Gedächtnis-Frisur, die vor zwei Jahren wie ein gut frisierter Tsunami über die Schulhöfe der Bundesrepublik hinwegfegte. Man denke an all die Hollisters, Abercrombie & Fitches, an all die Jeggins und Loopschals.

 

 

Den Besitzstand kuratieren

Allen Frisuren und Stilen gemein ist folgende Regel: Wenn die eigene Mutter anfängt, den Stil der Tochter zu kopieren, gilt es schnell zu handeln und schleunigst umzusatteln. Das könnte man auf strukturschwache Stadtteile, ein bestimmtes Klientel oder gerade uncoole Konsumtempel ausweiten. „Das zu mögen, was massenweise zu haben ist, gilt als schlechter Geschmack“, heißt es beispielsweise in einem Text der ZEIT. Aus diesem Grund geben einige wenige tausende von Euro für Beatles-Platten aus. Andere wenige bezahlen hunderte von Euro für Nussknacker, die nur in einem einzigen Laden in London verkauft werden. Es scheint, als würden wir nicht mehr einkaufen, sondern auswählen. Der Mittelschichtler wohnt nicht mehr, er kuratiert seinen Besitzstand.

Dabei geht es nicht darum, Menschen abzuwerten, die sich intensiv mit einer Sache beschäftigen oder ein Hobby hegen und dadurch eine Expertise aufgebaut haben. Nein. Es geht darum, dass durch eine bestimmte Haltung zum Konsum eine symbolische Aneignung stattfindet, die letztendlich zur Ausgrenzung oder zu einem „Distinktionsgewinn“ (Pierre Bourdieu) führt. Mit anderen Worten: Berufstrinker faseln nicht ewig über die richtige Zubereitung ihres derzeitigen Getränkes, sie trinken einfach. Sie prahlen nicht mit ihrem Wissen. Gin ist für sie ein hochprozentiger Alkohol und kein Statussymbol.

Auch ein guter Geschmack kann ein Statussymbol sein. Gerade in einer eigentlich schrankenlosen Gesellschaft, in der jeder – zumindest vor dem Gesetz – Zugang zu Wissen und Wohlstand hat. In einer Gesellschaft, in der die Mittelschicht immer mehr ausgedünnt wird und sich trotz allem ein jeder ein SUV leasen kann, wird es immer schwieriger, sich eine Nische zu schaffen. So passiert es eben, dass der feine Unterschied eben nicht mehr im Mittelkassewagen, sondern im handgefertigten Nussknacker oder in einem mehrstündigen Trinkritual einer derzeit hippen Spirituose besteht.

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