wortbeitrag

Essgeräusche – An apple a day keeps the Holger away

Okay, ich gebe es zu. Ich habe mir eine mittelschwere Neurose herangezüchtet, die nicht undebingt zuträglich für ein ordentliches Miteinander ist. Ich hasse Essgeräusche. Egal ob Apfel, Karotten oder das rhythmische Kauen am Mittagstisch: mich graust es vor Menschen mit Essen im Gesicht.

Am schlimmsten ist es bei Äpfeln. Dieses runde Steinobst ist der Düsenjet unter den Geräusche verursachenden Lebensmitteln. Allein der Gedanke daran, dass jemand herzhaft in einen Apfel beißt, gipfelt bei mir in Gänsehaut und Ekel. Ein Biss in den Apfel klingt nicht, er lärmt. Und dieses Schmatzen erst. Eine unnötige Begleiterscheinung, die man mit ein wenig gesunden Menschenverstand vermeiden kann. Einfach Apfel in Viertel schneiden. Fertig. Geräusch beseitigt. Ekel gebannt.

Alles begann – wo auch sonst – in meiner Kindheit. Da gab es ein Familienmitglied, das sich beständig wie ein Schwein ernährt hat. Sein Gebahren am Tisch war furchtbar. Ich kann mich noch nicht mal genau an sein Gesicht erinnern, aber sein Schmatzen beim Essen ist mir noch heute im Gedächtnis. Leider verbinde ich mit dieser Person weitere unschöne Erlebnisse, abseits vom Küchentisch. Daraus habe ich mir eine richtig schöne Misophonie herangezüchtet.

Was das ist? Misphonie bedeutet wörtlich “Hass auf Geräusche”. Es ist eine Form der verminderten Geräuschtoleranz. Streng genommen ist Misophonie noch unentdecktes Gebiet. In der Wissenschaft wird sie sowohl als neurologische als auch als pyschosoziale Störung betrachtet. Das wirklich Erstaunliche daran ist: Misophonie tritt selektiv auf. Es wird also nicht die Gesamtheit an Geräuschen als störend empfunden, sondern nur bestimmte Geräuschgruppen wie Essgeräusche, Niesen, Gähnen oder sich wiederholende Geräusche wie Tastaturgeklapper. Warum das so ist, gilt es herauszufinden.

Liebe Werbefachleute: bitte vergesst die Randgruppen nicht!

Ich will mich ja nicht wirklich  beklagen, ich will eigentlich nur ein paar leutchen für die Thematik sensibilisieren. Egal ob Büro, Kino oder öffentliche Verkehrsmittel – Essgeräusch sind überall. Das wäre alles ziemlich unproblematisch, wenn die Leute sich mal beim Essen zuschauen – oder besser noch: zuhören – würden. Jetzt mal ehrlich: Obwohl der Mensch Atombomben, Mikroprozessoren und Raumfahrzeuge entwickelt hat, schafft er es nicht, sich beim Essen von seinem evolutionären Erbe zu lösen. In der Hinsicht sind wir wie unsere primatenhaften Vorfahren. Uga Aga, Schmackofatz!

Und dann diese ewige Anwesenheit von Essgeräuschen! Wie konnte die Werbung jemals auf die Idee kommen, dass das beherzte in einen Apfel beißen oder das fast schon laszive Zerkrümeln von Kartoffelchips, irgendeinen Impuls außer Ekel in mir auslösen könnte? Liebe Werbefachleute: bitte vergesst die Randgruppen nicht. Ich verspreche auch, dass ich bei Neurosen konformer Werbung, eure Produkte kaufe. Aber bitte, bitte, verzichtet zukünftig auf Äpfel. Sie sind mir ein Graus.

One thought on “Essgeräusche – An apple a day keeps the Holger away

  1. Ich leide auch darunter. Kann mir z.B. mittlerweile mehr als die Hälfte aller Dokus nicht mehr anschauen wegen des häufigen nasalen Knackens der Sprecher, was mich unglaublich aggressiv macht.

    Als ich aber den zweiten Teil deines Beitrags gelesen habe, musste ich mit dem Kopf schütteln. Der Großteil der Menschen findet nun mal das Geräusch des Beißens in einen Apfel anregend. Dadurch verkauft sich das Produkt besser. Du kannst doch nicht ernsthaft von der Werbeindustrie verlangen, sich dabei nach dir zu richten. Wenn eine Randgruupe etwas nicht mag, was der Rest super findet, wird Werbung für die Mehrheit gemacht. Ist doch klar. Die wollen ja Geld verdienen.

    Nur bei deinen Mitmenschen kannst du auf Verständnis hoffen.

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