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Menschen wie du und ich: Plattenflohmarktbesucher

Vinyl, Schallplatte, Plattenflohmarkt
Foto: Holger Wendt www.spuren-von-menschen.de // Copyright: CC BY-ND 3.0 DE

Flohmarktfans erleben den Winter als enthaltsame Jahreszeit. So wie die Tage immer kürzer werden, lichten sich auch die Flohmärkte vom Veranstaltungskalender. Alle? Nein, nicht alle. Es überwintern all jene, die drinnen stattfinden. So zum Beispiel die Plattenflohmärkte. Aber mal ehrlich: Wer besucht schon Plattenflohmärkte? Ein Erklärungsversuch…

Den idealtyptischen Flohmarktbesucher gibt es genauso wenig wie ein einziges gutes Guns’N’Roses-Album. Ein allgemeingültiges Kennzeichen von Plattenflohmärkten ist der hohe Männeranteil unter den Besuchern. Ein hoher Männeranteil hat leider folgenden Nachteil: Schweiß! Da Menschen mit XY-Chromosom leider doppelt so viel schwitzen wie Menschen mit gleichförmiger Chromosomenstruktur, wird ein Plattenflohmarkt leider immer von einem wüsten Gemisch von harnähnlichen Gerüchen begleitet. Darüber lagert sich – und das ist keine Vermutung, sondern ein durch Erfahrung erworbener Fakt – eine süßliche postalkoholische Note, die beweist, dass der Bierkasten von letzter Nacht zwar leer, aber der Rock’N’Roll noch nicht tot ist.

Nein, Rock’N’Roll ist nicht tot. Rock’N’Roll ist untot. Er lebt und schart sich um quadratische Plattenkisten mit handbeschriebenen Labels. Seine Jünger stolpern wie Zombies und grabschen nach dem schwarzen Gold. Sie drängeln und schubsen, um nur ja kein Schätzchen zu verpassen. Denn: Irgendwo liegt genau die Platte, die man schon seit Jahren als japanische Erstpressung aus dem Jahr 1968 sucht. Und die in Onlineforen für horrende Summen an den Vinylfetischisten gebracht wird. Irgendwo in einer dieser Kisten muss sie sein. “Ich muss sie nur finden. Nur finden.”

Jaja, Besucher von Plattenflohmärkten sind schon ein seltsames Völkchen. Gemein ist den meisten von ihnen der Wille zur Ordnung oder besser noch: der Drang nach Klassifizierung. Alles muss beschriftet werden: Bands, Genres, Subgenres, Formate, Singles, Alben, Angebote, Raritäten, Veröffentlichungsdaten und Veröffentlichungsländer. Dabei hat jeder seine eigene Ordnung, seine eigene Chronologie.

Und wer tummelt sich sonst so auf Plattenflohmärkten?

Lockeres Beisammensein in zwangloser Atmosphäre // Foto: Holger Wendt www.spuren-von-menschen.de / Copyright: CC BY-ND 3.0 DE
Lockeres Beisammensein in zwangloser Atmosphäre // Foto: Holger Wendt www.spuren-von-menschen.de / Copyright: CC BY-ND 3.0 DE

Die Freundin hat das Pech mit einem Vinylenthusiasten zusammen zu sein. Obwohl sie sich selbst nicht für Musik im Allgemeinen und Platten im Besonderen interessiert, gibt sie sich Mühe sich nichts anmerken zu lassen. Sie stellt die Standardfragen und durchwühlt fachmännisch drei Plattenkisten nach den Klassikern: Beatles, Stones, Fleetwood Mac. Sie zeigt mit dem Finger auf ein Cover und ruft ihrem Freund zu: Schau mal, die hast du auch. Wenigstens gibt sie sich Mühe. Der Knackpunkt kommt nach dreißig Minuten. Ein erstes Gefühl von Langeweile tritt ein. Dann sagt sie Sätze wie: “Ich warte dann mal draußen” oder “Brauchst du noch langeeeee?”.

Stones’N’Beatles-Fans – Egal ob Nicaragua oder Oer-Erkenschwick, die Sones’N’Beatles-Fraktion ist überall. Auf jedem verdammten Plattenflohmarkt auf der ganzen Welt tummelt sich diese absonderliche Gruppe. Macht man den Fehler und spricht sie auf Musik an, wandelt sich die Unterhaltung in einen nie enden wollenden Mahlstrom an Geschichtswissen, Erfahrung und Popkultur der 60er. Dieser Hang zu Monologen paart sich nicht selten mit zwei Eigenschaften des Vinylfetischisten: Neid und Gier. Sie sind meist die ersten auf Plattenflohmärkten und durchforsten jede, aber auch jede Kise nach Beatles und Rolling Stones-Devotionalien. Ihre Mitstreiter beglotzen sie argwöhnisch. Warum auch nicht, man könnte ihnen ja etwas wegnehmen.

Vinylfetischisten – Wenn es ein subkulturelles Äquivalent zum kleinbürgerlichen Spießbürger mit wahlweise Gartenzwerg- oder Porzellanpuppen-Macke gibt, dann ist es der Vinylfetischist. Er oder sie – aber in den meisten Fällen sind es doch die Männer – entwickelt eine fast schon intime Beziehung zum Material seiner Träume: Dem Polyvinylchlorid – auch PVC oder im Volksmund auch Vinylschallpltte genannt. Als Sammler von obskuren Raritäten grenzt sich der Vinylfetischist durch seine quasireligiöse Verehrung des Dinglichen von den normalsterblichen Plattensammlern ab. Der eigentliche Zweck der Platte – das Anhören – tritt bei ihm fast vollständig in den Hintergrund. Es gibt sogar einige dieser Zunft die das Aufreißen einer Schutzhülle als Todessünde betrachten. Gott habe sie selig…

Der-verkannte-Semiprofessionelle ist eine sehr bemitleidenswerte Gestalt. Er geht in den seltensten Fällen zum Plattenflohmarkt, um Geld auszugeben. Nein, er sucht nach Zuhörern, den er von seinem fast erfolgreichen Einstieg in das Showgeschäft erzählen kann. Beständig kramt er die alten Geschichten hervor und erzählt von der guten alten Zeit. Dabei strahlen seine Augen und starren ins Leere. “Früher, ja, früher war alles besser.” Während seine leibliche Hülle beständig den Gezeiten des Alltags trotzt, flüchtet sich seine imaginierte Existenz in längst vergessene, glorreiche Tage. „Früher, ja, früher…“

Kommen wir nun zur letzen Spezies von Plattenflohmarktbesuchern: Die Professionellen. Sie organisieren die Flohmärkte, rücken mit pickepackevollen Kisten an und buckeln ihr Vinyl von Stadt zu Stadt. Die Professionellen sind wie Marketenderinnen, die jedes Wochenende in eine andere muffige Halle fahren und dort ihre Waren feilbieten. Sie sind ordnungsbewusst in der Beschriftung ihrer Waren, kennen den Nebenmann mit Vornamen und wissen wie sie sich von ihm abgrenzen können. Denn irgendwie muss die Ware ja unter die Leute gebracht werden. Die Herzlichsten von ihnen rufen dir beim Kauf noch eine nette Anekdote über die Ladentheke. Die Grummeligen unter ihnen geben sich einsilbig und sagen so Sätze wie “Nee, kann nich wechseln.” Aber auch die Launischen haben ihre Existenzberechtigung, denn am Ende sind es Menschen wie du und ich…

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