Tut denn in diesem Land niemand was für uns? – Wahlwerbespots zur Bundestagswahl 2013 #btw2013

profilbildDas TV-Format „Wahlwerbespot“ erfreut sich seit einigen Wochen einer hohen Beliebtheit. Wahlwerbespots sind so etwas wie öffentliche Informationsveranstaltungen mit Lagerfeuerfeeling. Und weil es so schön knistert, wenn man einen Holzscheit ins Feuer schmeißt, engagiert sich jede Partei ein eigenes Kamerateam bzw. eine Werbe- oder PR-Agentur, um die Partei in ein möglichst gutes Licht zu stellen. Jeder von euch hat bestimmt schon die sehr „bürgernahen“ Spots von Angela Merkel und Peer Steinbrück gesehen. Doch da draußen gibt es noch viel mehr. Ja, auch die kleinen Nischenparteien haben sich Wahrwerbespots zugelegt. Und was für welche! Da werden Rollenklisches von 19?? ausgepackt (FREIE WÄHLER), Monologe über Schnecken gehalten (Bündnis 90 die Grünen) und Hundertschaften von Laiendarsteller vor die Kamera gezerrt (Bündnis 21 RPP). Oh, wie unfreiwillig komisch ein solch ernsthaftes Medium werden kann…

 

„Heute widmen wir uns der Gastropoda“ – Der Wahlwerbespot von Bündnis 90 / Die Grünen

Allzu subtil kommt der Wahlwerbespot der Grünen daher. Doch irgendwoher kennt man doch den Fernsehonkel mit der sonoren Stimme? Ach richtig, das ist ja William Cohn, heimlicher Star der viel zu früh verblichenen Unterhaltsungssendung „Roche & Böhmermann“. Als Tierforscher erklärt er im Werbespot der Grünen das Leben der Gastropoda, auch bekannt als „gemeine Schnecke“. Beim Verweilen auf ihrem Ruheplatz, so erklärt Cohn, können wir beobachten, dass sie sich aufgrund ihres fehlenden Rückrates nicht an einem inneren Kompass orientiert, sondern ihre Fühler ganz einfach nach dem Wind dreht.“ Ähnlichkeiten mit dem Artverhalten von derzeit amtierenden  Regierungsparteien sind natürlich genauso zufällig wie die montierten Ausschnitte von Bundestagsdebatten im Clip.

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„Ich folge nur meinen Bedürfnissen“ – Der Wahlwerbespot der FREIEN WÄHLER

Gaga für Erwachsene! Die böse Frau verführt die lieben Kinder, die noch gar nicht so schnell denken können wie sie zu konformistischen Bürgern erzogen werden. Schuld daran ist die böse Frau im Hosenanzug (vermutlich karrieregeil). Nachher biedert sie sich bei einem Mann an, der zwar passabel aussieht, aber ansonsten nur Stammtisch-Parolen klopfen kann. Die Frau im Hosenanzug ist von der Politik des Mannes, die garantiert auf einen Bierdeckel passt, so beeindruckt, dass sie ihren Zopf öffnet. Oh ja, ihre niederen Instinkte werden geweckt – alles nur angedeutet, man will ja schließlich keine Klage am Hals haben. Oh was für ein Mann. Natürlich weiß er schon, wo er am 22. September das Kreuzchen macht: bei den FREIEN WÄHLERN natürlich.,

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„Ich habe zwar einen festen Job…“ – Der Wahlwerbespot von Die LINKE

„Ich habe zwar einen festen Job,“ gibt das Testimonial der Linken zu, „aber bei dem bisschen Geld ist an Familie nicht zu denken.“ Das leidige Thema Geld. Es umtreibt uns alle und ist immer zu wenig. Auch für die LINKE, obwohl die ja eigentlich dem Kapitalismus abschwören. Und trotzdem lässt es sich damit herrlich emotionalisieren. Dieses zu wenig Netto im Brutto erzeugt Wut – blanke Emotionen. Und dann noch die bösen Arbeitgeber: „In unserem Call-Center ist es verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren.“ Ab dann geht alles Schlag auf Schlag. Die Schnittfolge wird erhöht. Ebenso die Reizworte: Rentensysteme, Gerechtigkeit, Überleben, Kinder, Karriere, Kitaplätze, Scheiß Betreuungsgeld, kein Geld, Privatpatienten, gesetzlich regeln, Gewinne, Profite, Gesellschaft, Reichtum. Die Linke. Damit Ihre Probleme ernst genommen werden. Würden die Linken qualitativ ähnlich hochwertige Politik leisten, dann müsste sich die SPD warm anziehen.

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„Die Partei für die Lösung der sozialen Probleme im 21. Jahrhundert“ – Der Wahlwerbespot des Bündnis 21 RPP

Das Bündnis 21 RRP will nicht weniger als „die Partei für die Lösung der Probleme im 21. Jahrhundert“ sein. Sie will selbstredend „die soziale Reformpartei für alle Generationen“ sein. Sie will mehr sein als nur „ein Kilo Kartoffeln“. Mit diesen durchaus wichtigen Zielen vor Augen macht das Bündnis 21 RRP Werbung. Leider kollidiert ihr Wahlprogramm mit den mehr schlecht als recht vor die Kamera drappierten Laiendarstellern und den Opahaften Binsenweisheiten, welches sich Wahlprogramm schimpft. Nur mal so ein Beispiel: „Alle zahlen von allem für alle. Das ist die Grundlage unseres Altersversorgungs- und Gesundheitssystems.“ Schon mal was von Bevölkerungspyramide gehört? Wie bitte schön sollen die ständig weniger werdenden 30 bis 65 Jährigen für die immer mehr werdenden Rentner aufkommen? Und im Umkehrschluss: Wenn alle für alle von allem zahlen: Heißt das, dass Rentner Rente für andere Rentner zahlen?

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„Bei uns steht das C nicht nur so rum“ – Der Wahlwerbespot der Partei bibeltreuer Christen

Kann sich noch jemand an den Film Austin Powers in Goldständer erinnen? In dem Film gibt es eine Szene, in dem Mike Myers aka Austin Powers von einer Warze im Gesicht seines Gegenübers so dermaßen abgelenkt ist, dass er sich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann. Mit dem Wahlwerbespot der Partei bibeltreuer Christen geht es mit genauso. Ich bin dem Warzen-Syndrom erlegen und immer wenn ich den Wahlwerbespot der PBC sehe, dann sehe ich keine chrstlichen Grundwerte, sondern nur die „Frisur“ von Ralf Gervelmeyer, dem Herren in dem – Vogelnest – schwarzen Anzug. Ich möchte mich – Vogelnest – dafür entschuldigen, dass ich – Vogelnest – aus diesem Grund leider nichts – Vogelnest – zum Pareiprogramm der – Vogelnest, Vogelnest – der PBC sagen kann außer: Bei uns – Vogelnest – steht das C nicht nur so rum.

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„Haben Sie sich schon mal gefragt…“ – Der Wahlwerbespot der Alternative für Deutschland (AfD)

Der SPIEGEL fasst den Spot der Alternative für Deutschland passend zusammen: „Der Wahlspot der Alternative für Deutschland (AfD) kommt so harmlos daher wie eine Brillenwerbung.“ Ottonormalverbraucher von nebenan (Vater mit Kind, Frau mit Fahrrad etc.) – fast so wie in den Fielmann-Spots – stellen ganz alltägliche Fragen an den Zuschauer. Beispiel gefällig? „Haben Sie sich schon gefragt, wer die ganzen Schulden bezahlen soll, die unsere Politiker immer anhäufen? Unsere Kinder etwa?“

Auch die Themen des Spots scheinen alltäglich und für den gemeinen Bürger nachvollziehbar: Renten, Familie, Finanzpolitik und Einwanderung. Der Spot wirkt nett, seine Testimonials sind positiv konnotiert. Die Außenwirkung des Spots wird der Partei vermutlich zu höherer Popularität verhelfen und dennoch ist die AfD nicht ganz so nett und umgänglich wie sie sich hier präsentiert. Stark umstritten ist das Thema Einwanderung. Die AfD fordert: „Einwanderung nach Qualifikation, nicht in unsere Sozialsysteme“. Das hat pro Deutschland-Charakter. Darüber hinaus scheint die AfD EU- und einwanderungsfeindliche Wähler anzuziehen, wie zahlreiche Meldungen beweisen. Der Tumblr-Blog „AfD-Wähler stellen sich vor“ sammelt solche polemischen Ausfälle. Was fehlt, ist aussagekräftiges Material, ob und in welcher Weise AfD-Politiker den Kurs ihrer Fans unterstützen.

„In unserem Land braucht das Akrobatik-Ensemble Trier keine Bühne mehr“ – Der Wahlwerbespot der PIRATENPARTEI

Zwei Fragen: Was ist bei Dir vom PIRATENPARTEI-Werbespot hängen geblieben? An welche Themen kannst Du Dich erinnern?

Bei mir ist nichts hängen geblieben, obwohl ich die Piraten und ihr Wahlprogramm sehr gut kenne. Warum bleibt von diesem Spot nichts im Gedächtnis? Wer weiß die Antwort? Seine rhetorischen Stilmittel sind viel zu komplex. Mit anderen Worten: Der Clip ist viel zu abstrakt! Normalerweise freue ich mich über Komplexität, aber an dieser Stelle ist sie eher hinderlich. Ein Beispiel: Was hat das Akrobatik-Ensemble Trier mit Banken respektive Kultureinrichtungen zu tun? Warum versteckt man ein Aufregerthema wie „Kultureinsparungen“ hinter einem so abstrakten Vergleich, den vermutlich nur Geisteswissenschaftler verstehen? Fragen über Fragen. Hier ist eine weitere:  Wie soll der Zuschauer die Piraten durch diesen Clip kennenlernen, wenn sich jede Parteiforderung hinter einem ironischen Kommentar verbirgt? Klar, in Nebensätzen blitzt da so etwas wie ein Wahlkampfprogramm durch, aber vordergründig bleibt beim Nichtakademiker wenig hängen. In diesem Sinne: „Am 22. September ist Bundestagswahl, warum da noch wählen gehen?“

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Zur Auswahl der Wahlwerbespots: Ich habe absichtlich auf Spots sowohl der MLPD als auch von Pro Deutschland und der NPD verzichtet. Dieser Blog wird kein Medium für radikales Gedankengut sein. 

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